Im Laufe der Jahre habe ich viele Moderationsmethoden kennengelernt und ausprobiert. Manche waren eine Zeit lang spannend und sind dann wieder aus meinem Werkzeugkoffer verschwunden. Andere begleiten mich seit Jahren.
World Café und The Circle Way gehören dazu. Die Fishbowl auch. Open Space sowieso. Und dann gibt es Ansätze wie RTSC – Real Time Strategic Change – oder Appreciative Inquiry, die ich spannend finde und zunehmend in meine Arbeit integriere.
Was diese Methoden für mich verbindet, ist nicht ihre Bekanntheit, ihre besondere Raffinesse oder die Tatsache, dass sie sich gut auf bunten Moderationskarten erklären lassen. Meine Lieblingsmethoden schaffen Räume, in denen Menschen miteinander denken können und sich ausprobieren dürfen. Sie geben nicht die Antworten vor, sondern helfen dabei, Fragen gemeinsam zu erkunden, unterschiedliche Perspektiven sichtbar zu machen und tragfähige Entscheidungen vorzubereiten.
Nicht die Methode ist der Ausgangspunkt
Ich erlebe immer wieder die Versuchung, bei der Planung eines Workshops mit der Methode zu beginnen: Machen wir ein World Café? Könnten wir hier einen Open Space einsetzen? Wie wäre es mit einer Fishbowl?
Für mich kommen vorher andere Fragen:
- Was soll in diesem Raum möglich werden?
- Was wollen wir mit dem gemeinsamen Arbeiten erreichen?
- Welchen Reifegrad hat die Gruppe?
- Wie viel Erfahrung gibt es bereits mit Beteiligung und partizipativen Formaten?
- Wie viel Selbstorganisation darf und möchte die Gruppe in diesem Moment übernehmen?
Denn es macht einen Unterschied, ob Menschen seit Jahren gewohnt sind, ihre Themen selbst einzubringen, Verantwortung für Gespräche zu übernehmen und mit offenen Ergebnissen umzugehen – oder ob Zusammenarbeit bisher vor allem bedeutet hat, einer Präsentation zuzuhören und anschließend Fragen stellen zu dürfen.
Ein Open Space kann für die erste Gruppe genau der richtige Rahmen sein. Für die zweite kann die große Offenheit im Moment schlicht zu viel sein. Umgekehrt kann eine stark durchmoderierte Struktur Menschen unterfordern, die längst gewohnt sind, Verantwortung für ihre Zusammenarbeit zu übernehmen.
Gute Beteiligung darf weder (zu viel) überfordern noch unterfordern.
Deshalb gehört für mich zur Methodenwahl immer auch die Frage: Was kann ich dieser Gruppe jetzt zutrauen – und was braucht sie, damit der nächste Schritt gut möglich wird? Manchmal ist ein stärker strukturierter Einstieg wie ein World Café passend. Zu einem anderen Zeitpunkt kann genau dieselbe Gruppe bereit sein, im Open Space selbst zu bestimmen, welche Themen Aufmerksamkeit bekommen.
Die Methode stellt einen Rahmen zur Verfügung. Wie offen oder strukturiert dieser Rahmen sein sollte, hängt vom Ziel, von den Menschen und von ihren bisherigen Erfahrungen ab.
Gute Fragen statt fertiger Antworten
Viele meiner Lieblingsmethoden haben etwas gemeinsam: Sie beginnen nicht mit Antworten, sondern mit Fragen.
Bei einem World Café können Menschen beispielsweise aus unterschiedlichen Perspektiven auf ein gemeinsames Thema schauen. Eine erste Frage hilft vielleicht, die aktuelle Situation zu erkunden, eine zweite bringt Irritationen und Spannungen ans Licht und eine dritte richtet den Blick nach vorne: Was wollen wir verändern? Was brauchen wir dafür? Menschen wechseln die Tische, treffen auf neue Gesprächspartner:innen und nehmen Gedanken aus einem Gespräch ins nächste mit. So entsteht nach und nach etwas, das in einer klassischen Präsentation nur schwer möglich ist: ein gemeinsames Bild, das aus vielen unterschiedlichen Bildern zusammengesetzt ist.
Genau diese Qualität interessiert mich.
Unterschiedliche Perspektiven sind kein Hindernis
In Organisationen versuchen wir häufig, Unterschiede möglichst schnell aufzulösen. Wir wollen uns einigen, einen gemeinsamen Standpunkt finden und eine Entscheidung treffen. Manchmal ist das notwendig. Aber bevor wir uns einigen, lohnt es sich oft, die Unterschiede überhaupt erst einmal sichtbar zu machen.
Denn auf dieselbe Situation können Menschen aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln schauen:
- Was sieht die Mitarbeiter:in, die täglich mit Kund:innen arbeitet?
- Was beschäftigt die Führungskraft?
- Welche Erfahrung bringt jemand aus der Produktion mit?
- Was nimmt eine Person wahr, die erst seit drei Monaten im Unternehmen ist – und welche Selbstverständlichkeiten hinterfragt sie vielleicht gerade deshalb?
Eine Fishbowl kann einen Raum schaffen, in dem genau diese unterschiedlichen Stimmen hörbar werden. Ein World Café verbindet Perspektiven miteinander. Im Open Space entscheiden die Teilnehmenden sogar selbst, welche Themen überhaupt Aufmerksamkeit bekommen sollen.
Das Spannende daran ist für mich nicht, möglichst schnell zu einer gemeinsamen Meinung zu kommen. Es geht zunächst darum, miteinander denken zu können, obwohl wir unterschiedlich auf eine Situation schauen.
Der Gruppe etwas zutrauen
Dahinter steckt eine bestimmte Haltung gegenüber Gruppen. Als Moderatorin muss ich nicht die Antworten kennen. Ich muss auch nicht jedes Gespräch kontrollieren oder dafür sorgen, dass alle Gruppen am Ende zum gleichen Ergebnis kommen. Meine Aufgabe ist es, einen Rahmen zu gestalten, in dem Menschen ihr Wissen, ihre Erfahrungen, ihre Fragen und auch ihre Irritationen einbringen können.
Das bedeutet allerdings auch, nicht genau zu wissen, was herauskommen wird. Ein Open Space macht das besonders deutlich: Ich kann das Thema und den Rahmen vorbereiten. Welche konkreten Fragen anschließend auf dem Marktplatz landen, entscheiden die Teilnehmenden. Sie übernehmen Verantwortung für ein Thema, laden andere dazu ein und gestalten ihre Session.
Als Moderatorin gebe ich damit ein Stück Kontrolle ab. Gleichzeitig übernehme ich Verantwortung für den Rahmen. Genau diese Balance interessiert mich: so viel Struktur wie nötig und so viel Selbstorganisation wie möglich.
Beteiligung braucht ein Danach
Beteiligung endet für mich nicht, wenn die letzten Teilnehmer:innen den Raum verlassen. Gerade dann beginnt ein wichtiger Teil: Was passiert mit dem, was gemeinsam gedacht, diskutiert und entwickelt wurde?
Wenn 80 Menschen drei Stunden miteinander über die Werte ihrer Organisation sprechen, Erwartungen formulieren und Ideen entwickeln – und anschließend verschwindet alles in einer Fotodokumentation –, war das vielleicht ein anregender Nachmittag. Beteiligung war es für mich noch nicht.
Wer Menschen zum Mitdenken einlädt, sollte sich deshalb bereits vorher überlegen:
- Was wird mit den Ergebnissen weiterbearbeitet?
- Wer übernimmt dafür Verantwortung?
- Wo und von wem werden Entscheidungen getroffen?
- Wie erfahren die Beteiligten, was aus ihren Gedanken und Vorschlägen geworden ist?
Deshalb gehört für mich der Transfer genauso zur Gestaltung eines guten Beteiligungsraums wie die Auswahl und Durchführung der Methode selbst.
Welche Art von Raum brauchen wir?
Vielleicht ist das überhaupt die bessere Frage. Nicht: Welche Methode sollen wir verwenden? Sondern: Welche Art von Raum brauchen wir gerade?
Brauchen wir einen Raum, um gemeinsam ein Thema zu erkunden, unterschiedliche Perspektiven hörbar zu machen oder Themen sichtbar werden zu lassen, die in den üblichen Meetings keinen Platz finden? Wollen wir miteinander lernen oder soll aus vielen Gedanken langsam eine gemeinsame Richtung entstehen?
Je nachdem kann die Antwort World Café, Open Space, Fishbowl, The Circle Way, Appreciative Inquiry oder etwas ganz anderes heißen.
Methoden sind für mich Werkzeuge, mit denen ich solche Räume gestalten kann. Nicht mehr – aber auch nicht weniger.
Meine Lieblingsmethoden
In den nächsten Beiträgen dieser Serie möchte ich einige Methoden genauer unter die Lupe nehmen, die mich in meiner Arbeit als Raumschafferin begleiten – und andere, die ich noch stärker erkunden möchte.
Dabei interessiert mich weniger eine weitere Schritt-für-Schritt-Anleitung. Mich interessieren vielmehr vier Fragen:
- Welche Art von Gespräch ermöglicht die Methode?
- Für welche Gruppen und Situationen ist sie hilfreich?
- Was braucht es, damit sie funktioniert?
- Und wann sollte ich mich bewusst für etwas anderes entscheiden?
Denn am Ende geht es mir nicht darum, möglichst viele Methoden in meinem Werkzeugkoffer zu haben. Es geht mir darum, den passenden Raum zu schaffen: einen Raum, in dem Menschen einander zuhören, Unterschiede sichtbar sein dürfen und nicht eine Person alle Antworten haben muss.
Die besten Lösungen entstehen selten im Kopf einer einzelnen Person. Sie entstehen dort, wo Menschen sich zuhören, gemeinsam denken und unterschiedliche Perspektiven miteinander verbinden.
Artikelserie: Beteiligungsräume gestalten
Dieser Artikel ist der Auftakt zu meiner Serie über Methoden, die Menschen miteinander ins Denken und Gestalten bringen. Ich zeige, welche Beteiligungsräume damit entstehen können, was Gruppen dafür brauchen und worauf ich bei der Gestaltung besonders achte.
Weitere Artikel:
Erst der Beteiligungsraum, dann die Methode
World Café – Wenn gemeinsames Verständnis entstehen soll